Wissen oder Erfahrung?
Was ist aber mit dem zweiten Thema? Was überprüfen Zertifikate? Theoretisches Wissen oder praktische Erfahrung? Nun, diese Frage hängt tatsächlich von der Art des Zertifikats ab!
Alle Zertifikate, die lediglich aus einem Multiple-Choice-Test bestehen, fragen nur theoretisches Wissen ab. Natürlich versuchen die Boards Prüfungsfragen zu ersinnen, die nur mit praktischer Erfahrung zu beantworten sind, aber im Multiple-Choice-Schema ist das sehr schwierig.
Die Zertifikate, die in diese Kategorie fallen, haben in der Regel den Zusatz „Foundation Level“. Der Foundation Level wird von den Anbietern ausdrücklich als Basis-Zertifikat beworben [FGG10]. Der Prüfling beherrscht anschließend die Grundbegriffe eines Gebiets. Diese Grundbegriffe kann man lernen und sich ihren Sinn erklären lassen. Nach der Prüfung bzw. der Schulung spricht der Prüfling die Sprache dieses Gebiets.
Die Zertifikate, die auf dem „Foundation Level“ aufbauen, gehen in der Regel über einen reinen Multiple-Choice-Test hinaus. Diese Zertifikate tragen oft den Zusatz „Advanced Level“, manchmal auch „Professional“ oder „Master“. Für diese weiterführenden Zertifikate muss man auf irgendeine Weise praktische Erfahrung nachweisen.
Bei einigen Zertifikaten muss man Testimonials von Arbeitgebern für Projekte vorweisen, die zum Thema des Zertifikats passen: z. B. 18 Monate Testaufgaben in Projekten oder 18 Monate Projektleitung bzw. Teilprojektleitung.
Bei einigen anderen weiterführenden Zertifikaten gehört zur Prüfungsleistung zusätzlich zum Multiple-Choice-Test eine mündliche Prüfung. In manchen Fällen wird außerdem keine Schulung im herkömmlichen Sinne abgehalten, sondern es wird versucht, eine Art Projektsituation zu simulieren, in der die Teilnehmenden im jeweiligen Gebiet zusammenarbeiten.
Dann haben einige Zertifikate noch die unangenehme Eigenschaft, dass sie regelmäßig alle drei oder fünf Jahre erneuert werden müssen. Entweder muss die Prüfung erneut durchgeführt werden oder die Prüflinge müssen Credit Points sammeln, die bestimmte Aktivitäten im zertifizierten Bereich nachweisen: Konferenzbesuche, Vorträge, Vorlesungen, Artikelveröffentlichungen. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass die Erfahrung der Prüflinge nicht veraltet.
Was die Frage nach dem Wissen und den Erfahrungen angeht, so halten wir fest: das Basiszertifikat, der Foundation Level, entspricht einer theoretischen Führerscheinprüfung. Die Theorie, also die Begriffsbildung und die Regeln, werden beherrscht, praktische Erfahrung liegt aber nicht vor. Insofern sollte man die Basiszertifikate immer als das betrachten, was sie sind: Theoretisches Wissen, das man erwerben muss, um die Aufbauzertifikate ablegen zu können.